Suche deine Tür

photo by Areta Kovalska

Ich schließe die Tür und halte den Schlüssel noch eine Weile in der Hand. Der Schlüssel ist an einem starken blauen Band festgemacht. Dann hänge ich ihn um den Hals und stecke ihn unter den Pullover. Der Arbeitstag beginnt, wir machen uns an unsere klar verteilten Aufgaben. Die Arbeit ist körperlich und ich bewege mich viel. So ist es besser, den Schlüssel nicht in der Tasche, sondern direkt um den Hals zu tragen, um ihn nicht versehentlich zu verlieren.

photo by Areta Kovalska

Ich stecke den Schlüssel ein und gebe mich meinen Gedanken hin. Die Erinnerungen kommen über mich, wie ein Echo aus einem fernen, vielleicht ganz anderen Leben. Lebendige Bilder erscheinen vor meinen Augen – sind es Erinnerungen?, sind es Déjà-vu-Erlebnisse? Ich sehe, wie wir Kinder in den Sommerferien, während die Eltern bei der Arbeit waren, mit den andern Kindern im Hof spielten. Wir kletterten auf die Bäume, spielten Blindekuh und Räuber und Polizist, gingen an den Teich und über die Eisenbahnschienen zu den Hügeln, schlichen auf die zahlreichen Baustellen oder rannten ganz einfach umher. Ab und zu verloren wir unsere Schlüssel. Dann gab Papa meiner Schwester und mir ein Band, woran wir unsere Schlüssel knüpften, um sie nicht mehr zu verlieren. Natürlich war das nicht sehr angenehm, der Schlüssel drückte uns in den Bauch, wenn wir auf den Maulbeerbaum kletterten. Und er zerriss unsere Hemden und T-Shirts, unter denen wir ihn trugen. Mama nähte uns dann die Löcher wieder zu, manchmal musste sie das jeden Abend tun.

photo by Olga Morgun

Nach einiger Zeit bekamen wir eine andere Tür. Nein, wir zogen nicht in eine neue Wohnung, die alten Holztüren wurden einfach durch solche aus Metall ersetzt. Den wahren Grund für diese Veränderung errieten meine Schwester und ich wohl nicht, nämlich dass das Leben nun weniger sicher geworden war. Mein kleiner Schlüssel aus gelbem Metall wurde durch einen größeren aus weißem Stahl ersetzt. Auf einem der Schlüssel für die neue Tür war groß der Buchstabe «Ж» (Zh) geprägt. Der stand wohl für den ersten Buchstaben des russischen Wortes «zheleso» – Eisen. Papa gab diesen Schlüssel mir, ich denke, weil dies auch der Anfangsbuchstabe meines Namens war. Da ich nun schon in eine höhere Klasse ging, befestigte ich einen hübschen Anhänger an meinem Schlüssel und bewahrte ihn im Rucksack auf. Auch rannten wir nicht mehr über die Hügel und kletterten schon gar nicht mehr auf Bäume.

photo by Olga Morgun

Später zogen zuerst meine Schwester und nachher auch ich für das Studium in eine andere Stadt. Es begann eine Zeit, in der wir auch andere Schlüssel benutzten. Aber wir behielten uns das Recht vor, die Schlüssel des ersten Hauses zu behalten. Je mehr ich mich in den darauffolgenden Jahren geographisch von der Stadt meiner Kindheit entfernte, desto zahlreicher wurden die Schlüssel, die ich benutzt hatte. Dabei beschränkte ich mich nicht auf Schlüssel von Wohnungen oder Häuser eines Landes. Wohin ich auch zog, hatte ich neben meinem ersten Schlüssel jeweils noch einen oder zwei andere. Diese waren für mich aber immer nur provisorisch, dauerhaft blieb jener Schlüssel aus Stahl mit dem Buchstaben Ж. Er reiste mit mir zusammen überall hin und erinnerte mich stets daran, dass es einen Ort gab, an den ich immer zurückkehren konnte. Ich hatte ein Hinterland, und mit einem solchen war es einfacher, mutige Taten zu wagen.

photo by Olga Morgun

Ich will jetzt versuchen, mir jenen Zeitpunkt ins Gedächtnis zu rufen, von dem an ich keinen Zugang mehr zu meiner ersten Tür hatte. Ich gebe mir alle Mühe, mich an den genauen Tag und die Stunde zu erinnern, wie an einen Ort auf der Karte. Aber ich kann ihn nicht finden. Der Moment war einfach da, wo alles plötzlich anders war. So schnell und so unerwartet kam das, dass ich den Zeitpunkt vergessen habe und mit ihm auch gewisse wichtige Fragen. Nur der Schlüssel blieb. Und es blieb das Bewusstsein, dass ich mit ihm meine Tür nicht mehr öffnen konnte. Ich war damals im Ausland, als zahlreiche Checkpoints mir den Weg zu meiner Tür verstellten. Ich beeilte mich heimzukehren, aber das Gefühl des Verlustes wurde durch die Verringerung des Abstandes zur Tür nicht kleiner. Der Verlust des Hinterlandes machte mich bis zur Unanständigkeit verletzbar. Ich konnte mich nicht mehr von der Stelle rühren, als ob auch mein Leben von feindlichen Mächten besetzt wäre. Mit jeder verlebten Stunde büßte ich mehr von meiner Kraft ein.

photo by Olga Morgun

Es war mir, als ob man mir das Recht genommen hatte, mein Haus zu betreten, wann ich wollte, als ob jemand an meiner Stelle für mich lebenswichtige Entscheidungen getroffen hatte. Ohne Recht auf einen eigenen Willen büßte ich einen Teil meiner Kraft ein. Mit dem Verlust des Hinterlandes im Osten, verlor ich auch meinen Platz im Westen. Damals gingen durch meine Hände so viele Schlüssel wie nie zuvor. Viele verschiedene Menschen nahmen mich bei sich auf, Menschen, die ich nicht selten nur sehr oberflächlich und erst seit kurzem kannte, steckten mir ihre Schlüssel zu und vertrauten mir ihre Wohnungen an. Dieses Vertrauen war besonders wertvoll für mich. Ihre Häuser heilten mich.

photo by Areta Kovalska

Einen nach dem andern wechselte ich die Schlüssel, eine Tür nach der andern schloss ich damit auf. Ich gewöhnte mich an den Gedanken, dass die Veränderung von nun an zum Beständigsten in meinem neuen Leben werden sollte. Ich lernte, mich an den dauernden Wechsel der Orte und der Schlüssel zu gewöhnen. Und schließlich fand ich die Kraft wieder, aufs Neue die Grenzen der Stadt und später auch diejenigen des Landes zu überqueren. Aber jetzt lernte ich auch, ohne Netz auf das Seil hinauszugehen. Dass mich nun kein solches mehr sicherte, daran erinnerte mich jeweils der Schlüssel, der unermüdlich mit mir reiste, nun aber eher als Schlüsselanhänger denn als eigentlicher Schlüssel.

photo by Areta Kovalska

Durch meine Hände gingen Schlüssel von Wohnungen in Lviv und Kyiv und Städten in der Schweiz und in Frankreich. Manchmal waren das Schlüssel von alten Schlössern, manchmal von Dorfhäusern. Mich überraschte immer angenehm, wie leicht mir die Menschen unter den verschiedensten Umständen ihre Schlüssel anvertrauten, wie einer bevollmächtigten Haushälterin. Ich kannte die Codes vieler Haus- und Toreingänge und behielt die zahlreichen Nummern im Gedächtnis. Und ich begann, die Schlüssel als Antworten zu verstehen, als eine Vielzahl von Antworten, die ich besaß, die mir von Hand zu Hand weitergegeben wurden.

photo by Areta Kovalska

„Suche deinen Schlüssel“, hört man oft sagen. Ich aber suche in erster Linie meine Tür. Und wenn der Schlüssel die Antwort ist, so muss die Tür die Frage sein. Jemandem fehlen die Antworten, mir fehlen die Fragen. Ich weiß, dass ich die Tür finde, wenn ich die richtigen Fragen stelle. Aber ich kann die Fragen nicht stellen, sie sind mir abhanden gekommen. Und damit werden alle Antworten sinnlos und verlieren ihren Wert. Wozu dient ein Schlüssel, wenn es keine Tür mehr gibt, die man damit öffnen kann? Was nützen mir tausend Antworten, wenn ich die passenden Fragen dazu nicht finden kann? Ich halte in meinen Händen eine Antwort, aber nicht die Schlüsselfrage. Und ich halte sie bis heute, nur damit ich nicht vergesse, dass ich vergessen habe. Versehentlich habe ich aus meinem Gedächtnis etwas Wichtiges gelöscht.

photo by Areta Kovalska

Ich mache mich auf die Suche. Ich gehe so nah ich kann an die Checkpoints heran und mache in Schtschastja[1] Halt, in der Nähe meines verlorenen Glücks. Ich schaue hinüber auf das Gebiet jenseits der Checkpoints und begreife, dass jene Tür und mit ihr auch die Schlüsselfrage ungefähr fünfzehn Kilometer von mir entfernt liegen. Näher wage ich mich nicht heran, so gehe ich wieder weg, so weit ich kann.

Photo by Olga Morgun

Ich schließe die Tür zu meinem vorübergehenden Zuhause ab. Dann hänge ich mir das blaue Band mit dem Schlüssel um den Hals, stecke es ein und gehe arbeiten. Nur kurz frage ich mich, ob mir der Schlüssel wohl nicht den Pullover beschädigen würde. Aber hier haben die Schlüssel ja runde und keine scharfen Kanten, und deshalb verletzen sie den Bauch nicht und machen die Kleider nicht kaputt. Dieser Schlüssel an meinem Hals bewahrt hinter der Tür, die er verschließt, noch einen andern Schlüssel auf. Jenen, den ich nicht schaffe, irgendwo liegen zu lassen oder ganz wegzulegen, den ich dauernd mit mir herumtrage. Ich bin wie vom Gedanken besessen, plötzlich auf jene Tür zu treffen, an einem ganz anderen Ort, in einer anderen Stadt, einem anderen Land, oder einem anderen Leben. Sobald ich sie gefunden habe, werde ich sicher auch die Ruhe wiederfinden.

photo by Scv.Chris

Noch aber suche ich die aus dem Gedächtnis gelöschten Fragen. Ich suche meine Tür.

17.12.2017

[1]  Schtschastja (Щастя; zu deutsch Glück): Stadt in der ukrainischen Oblast Luhansk, nahe der Grenze zu dem von den Separatisten kontrollierten Gebiet.

Translated by Matthias Müller

Original text

 

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