Das Land U oder die Märchen für die fremden Kinder

Das Land U
Photo by Oksana Klyuchenko-Hnatyshyn

Aus dem Kapitel 3

Maria schaute sich um und sah das totale Chaos, falsch gesetzte Prioritäten,
verschobene Akzente. Schizophrene Ordnung statt Herzlichkeit, materieller
Wohlstand statt Gesundheit.

Eine Ausländerin (das ist kostengünstiger) erzieht das eigene Kind, da die Eltern Geld verdienen müssen, um Spielzeug und Kleidung für dieses Kind zu kaufen, allen möglichen Kram bezahlen zu können, während sie auf das psychische Wohlbefinden des Kindes, seine Seele, vergessen. Seele? Sie dachten nicht daran. Sie haben es als Kinder nicht gelernt, an die Seele zu denken.

Keine geistlichen Neigungen, kein Gott im Herzen und in den Gedanken – nur absoluter Atheismus. Überall Rechnungen und Abrechnungen. Wo kann man noch ein bisschen mehr herausholen, wo noch etwas sparen oder etwas günstiger kaufen, wo mehr verdienen. Maria brauchte auch Geld für sich selbst und noch dringender für ihren Sohn, darum hatte sie vielleicht auch kein Recht dazu, diejenigen zu verurteilen, die ihr dieses Geld bereitstellten. Die materiellen Aspekte des Lebens ließen sich nicht vergessen. Aber sie konnte sich ihnen nicht so fanatisch besessen hingeben. Wie dem auch sei, sie ging in festem Glauben an Gott durch das Leben, hielt ihn fest an der Hand, um diese Verbindung nicht einmal für einen Augenblick zu verlieren.

 


Aus dem Kapitel 10

Das Land U
Photo by Oksana Klyuchenko-Hnatyshyn

Immer mehr erinnerte sie diese deutsche Familie an das alte Babylon – jeder
sprach seine eigene Sprache, unverständlich für die anderen. Es wollte ihnen
einfach nicht gelingen, sich miteinander zu verständigen und nicht selten kam es
beim Abendessen zum Höhepunkt des Unverständnisses, dessen Zeugin Maria
ohne es zu wollen wurde. Und obwohl eigentlich Maria die Ausländerin unter
ihnen war, war doch sie es, die jeden einzelnen und alle zusammen am besten
verstand. Schweigend richtete sie ihren Blick auf einen bestimmten Punkt und
blieb ruhig und unbewegt sitzen. Gerade dafür, für ihre Nichteinmischung, haben
sie sie vielleicht, wenn nicht geliebt, dann aber zumindest geachtet. Manchmal
wollte sich ihr jemand aus der Familie anvertrauen. Sie hörte aufmerksam zu, aber
einen Rat zu geben, das traute sie sich nicht. Und sie brauchten ihre Ratschläge
auch nicht, sie wollten nur eines – Verständnis. Das schien ihr am meisten paradox.
Sie kannte doch ihre Sprache noch nicht gut genug, um all ihre Worte zu verstehen.
Doch war es kein Geheimnis mehr für sie, dass, je weniger man mit dem Verstand
versteht, desto mehr empfindet man mit dem Herzen.

 


Kapitel 47

Das Land U
Photo by Oksana Klyuchenko-Hnatyshyn

Die Kleine dachte sich immer irgendwelche sinnlosen Spiele aus und brachte
Maria dazu, diese mit ihr zu spielen. Während eines Spaziergangs mit dem Hund
im Wald nahm sie Maria an die Leine und sagte, sie solle ihr hinterher gehen.
“Deine Schritte sind kurz und meine lang, ich trete dir auf die Füße. Ich will dieses
Spiel nicht spielen!”. “Versuch mal ein bisschen langsamer zu gehen, dann gehen
wir beide gleich schnell.” Das Mädchen sprach manchmal wirklich gute
Ratschläge oder Gedanken aus. Immer wenn sich Maria im Haushalt an die Arbeit
machte und das Mädchen ein bisschen alleine spielen ließ, sprang es auf und wollte
ihr helfen. “Musst du nicht. Ich schaffe das alleine”, antwortete Maria. Worauf das
Mädchen entgegnete: “Ob du „ja“ oder „nein“ sagst, ist mir egal, ich helfe dir so
oder so!”. Warum konnten die Erwachsenen nicht genauso reden? Sie teilte alle ihre Gedanken und Eindrücke mit Maria, alles, was sie während des Tages erlebt
hatte: “Wir haben heute mit den Mädchen im Kindergarten gespielt. Weißt du, wer
ich war?”, “Wer?”, “Ich war eine Krankenschwester, die die Opfer des Erdbebens
auf Haiti rettete”. “Du bist super! Das ist sehr mutig.”. “Wir haben auch Eis
gegessen. Weißt du, welches ich mir ausgesucht habe?”, “Welches?”, “Ein blaues.
Und weißt du, welchen Geschmack es hatte?”, “Welchen?”, “Den Geschmack des
Himmels”. “Weißt du denn, wie der Himmel schmeckt?”, “Ja”. So haben die
beiden zusammengelebt.
Endlich kam der Moment, an dem Maria endlich die Stille und auch ihre
Disharmonie mit dem Mädchen brach, um ihr die Geschichte von einem
Wunderland zu erzählen. “Ich habe dir noch eine Überraschung gebracht” – “Was
für eine?” – “Ein Märchen über ein Wunderland, das einfach „U“ heißt. “Das kann
Überraschung bedeuten” – “Ja, das kann alles bedeuten, was du nur willst.” Das
Land U ist ein Land, wo nur gute Menschen leben, die einander immer helfen. Dort
gibt es eine heilende Luft, die, wenn jemand sie einatmet, sofort seine Seele
reinigt. Und die Erde ist lebensspendend, wenn jemand sie berührt, heilen sofort
seine Wunden und all seine Schmerzen sind weg. In den Flüssen fließt
kristallklares Wasser, das Leib und Seele erfrischt. Wenn man dieses Wasser trinkt,
werden die Gedanken klar und der Körper wird leicht wie das Wasser selbst. Es
gibt alles in diesem Land: hohe Berge, die ihre Gipfel irgendwo im Himmel
verlieren, tiefe Seen, breite Steppen, die weiter als das Auge reichen, dichte Wälder
und schnelle Flüsse. Es gibt dort auch unendliche Sonnenblumenfelder, die ein
brennendes, sonniges Meer bilden, das sich am Horizont mit dem Himmel
vereinigt. Die Menschen im Land U können mit Tieren und Pflanzen umgehen,
und schaden ihnen nie. Aber das Interessanteste ist, dass man dieses Land nicht auf
der Landkarte finden kann – es existiert nur in deinem Herzen. Keine Straßen und
Wege führen dorthin, aber du kannst jederzeit, wann immer du nur willst, dort
landen. Wenn du dich schlecht fühlst oder wenn du auf jemanden böse bist, vergiss
nicht, es genügt, diese Luft einzuatmen, diese Erde zu berühren oder dieses Wasser
zu trinken, um deinen Körper und deine Seele zu heilen. Du brauchst nur die Augen zu schließen und dir vorzustellen, wo du hin willst – einen See oder einen
Wald, Berge oder ein Sonnenblumenfeld. Wir können zusammen fliegen und du
erzählst mir, was du siehst, und ich sage dir, was ich sehe. Niemand kann dieses
Land zerstören oder erobern, weil es nur für die erreichbar ist, die ein reines Herz
und warme Gedanken haben. Also, lass uns fliegen…”. Und sie flogen zusammen.
Manchmal einfach so und manchmal auch dann, wenn sie sich stritten. Dann
brauchte nur einer von beiden zu sagen: „Land U“ und sie flogen dorthin und
vergaßen allen Ärger und alle Missverständnisse. Mit der Zeit hatten sie fast keine
Streitigkeiten mehr miteinander.

 


Kapitel 49

Das Land U
Photo by Oksana Klyuchenko-Hnatyshyn

Deutschland war etwas Rätselhaftes und Mysteriöses, aber wenn man
zumindest eines seiner Geheimnisse entdeckte, ließ es einen gerne in seine Seele
hinein. Maria wachte mit dem ungewöhnlichen Gefühl einer unendlichen Liebe zu
diesem Land auf. Dieses Gefühl beunruhigte sie und erschreckte sie manchmal
sogar. Unzählige Fragen kreisten in ihrem Kopf: “Willst du hier bleiben?”. Aber
bald wurde ihr klar, dass ihre Liebe zu einer anderen Kultur keinesfalls der Liebe
zu ihrem eigenen Land, zu ihrer Sprache und ihren Traditionen schadete. Ganz im
Gegenteil, je mehr sie Deutschland mit allen seinen auf den ersten Blick seltsam
scheinenden Zügen annahm, desto tiefer wurde ihr Bewusstsein, desto mehr ließ
sie es zu, sich in sich selbst zu vertiefen.
Dieses Land war wie eine unattraktive, fast schon grobe Frau, die durch ihre
Vergangenheit so geworden war. Sie freute sich jedoch trotzdem, wenn jemand
ihre fast verlorene Weiblichkeit und Wärme noch bemerken konnte, die Feinheit
ihrer Seele noch fühlte. Die Seele, die man zuerst erwecken musste, um sie zu
durchschauen. Deutschland, nicht weniger als die Ukraine, brauchte Liebe und
Dankbarkeit von denen, die es geboren hatte, und auch von den unendlich vielen,
die kamen, um sich zu bereichern, um für immer hier zu bleiben und noch ihre ganze Familie hierher zu bringen, um nur zu nehmen, zu entnehmen und fast nie
um zu geben. Deswegen spürte Maria eine noch stärkere Zuneigung zu diesem
Land, welches wenige wirklich so liebten, wie dieses es sich verdient hätte. Sie
fragte sich, was sie für dieses Land tun könnte, wie sie sich für die Tiefe und
Erleuchtung, für die Höflichkeit und die warme Umarmung bedanken könnte.
Dafür, dass Deutschland Maria bewies, dass es der Liebe wert ist. Es ist also stark,
auf wenig weibliche Weise mutig und entschlossen. Ja, es ist der Liebe wert.
Und dazu die Menschen, die in Marias Leben traten. Immer wieder neue. Sie
halfen und führten lange Gespräche über die geheimsten Dinge mit ihr. Sie
wendeten sich nicht von ihr ab, sie interessierten sich dafür, wie es ihr ging,
fragten, ob sie etwas für sie tun könnten. Manchmal gaben sie zu, dass Marias
Offenheit, Aufrichtigkeit und Einfachheit sie entwaffnet hätten. Dann öffneten sie
sich ebenfalls. Und sie erzählten ihr von ihrem Leben. Der eine im Bus, ein
anderer an der Haltestelle, noch jemand im Schwimmbad oder auch ganz
woanders. Jemand zeigte ihr durch das Busfenster das Haus, in dem er früher
wohnte, teilte seine Schmerzen und Gefühle mit ihr, öffnete dabei einen Teil von
Deutschlands Seele für sie. Aber diese Menschen hörten auch Maria aufmerksam
zu, um zu verstehen, was sie brauchte und zögerten nicht damit, ihr zu helfen, ihr
Leben hier irgendwie zu erleichtern. Sie waren nie laut, versprachen nichts. Sie
machten kein unnötiges Aufsehen, sondern taten still ihr Bestes, gaben, was sie
geben konnten. Sie fühlten Dankbarkeit füreinander: Erstere für die Aufrichtigkeit
und das Einfühlungsvermögen, Maria für die Hilfe und das Mitgefühl. Sie begriff
erst jetzt, dass ihr einziges Problem ihre Unkenntnis der Sprache war. Wie kannst
du denn ein Problem lösen, wenn du nicht davon erzählen kannst? Wie kannst du
den Sinn des Gesagten begreifen, wenn du nicht verstehst, was man dir sagt?
Und dann waren da die Filme… Das erste, was Maria die innere Welt
Deutschlands näher brachte, waren Filme. Richtige deutsche Filme sind wie
Schnaps. Von den Filmen hast du am nächsten Morgen rote, geschwollene Augen
und starke Kopfschmerzen. Sie sind sind wie ein Boxer mit hundert Fäusten, der von allen Seiten auf dich eindrischt und dir keine Chance zur Verteidigung gibt.
Rasch bist du am Boden, betäubt und schutzlos. Später dringen sie tief in das
Bewusstsein ein und machen es so nüchtern und sensibel für Reize, dass dieser
Zustand das Gehirn in eine andere Dimension hinüberträgt, über alles Alltägliche.
Sie ermöglichen es, sich selber von oben, von innen und von allen Seiten
gleichzeitig zu sehen. Sie geben einem das, was Schnaps nicht geben kann.
Deutsche Filme haben nichts Entbehrliches: keinen langen Vorspann, keine
unnötigen Erklärungen. Sie sind konzentriert und inhaltsreich, deutlich und
realistisch. Das deutsche Kino ist wie ein grauer Schreibtisch in der Mitte eines
genauso grauen, durchlüfteten, leeren Raumes. Auf dem Tisch nichts außer einem
perfekt gespitzten Bleistift und einem leeren Blatt Papier. Keine unnötige
Dekoration, keine Falschheit, kein Müll. Der Bleistift trifft einen in die Brust,
hinterlässt einen grauen Sprenkel darauf, der für immer dort bleibt, auch nachdem
die Wunde schon vernarbt ist. Diese Filme sind nicht mehr zu vergessen.
Diese mutigen Menschen haben in sich genug Kraft gefunden, um ihre
Fehler der Vergangenheit zuzugeben und zu verurteilen. Sie verheimlichen nicht,
was geschehen ist, im Gegenteil, sie zeigen der Welt die feststehenden Tatsachen.
Wer könnte denn den Krieg besser als sie zeigen? Das ist so, als wäre der Film
“Das Massaker von Katyn” von Russen gedreht worden, und dabei nichts
verheimlicht und umgeschrieben worden. Dafür muss man wirklich große innere
Kraft besitzen.
Die Deutschen finden unter hunderten von Schuften einen würdigen
Menschen und man muss zugeben, dass sich herausstellt, dass dieser eine Mensch
gewichtiger als die hundert anderen ist. Nein, auf keinen Fall rechtfertigen sie den
Krieg, sondern erinnern nur an Selbstverleugnung und Menschlichkeit unter den
unmenschlichen Bedingungen des damaligen Regimes. Sie vergessen die
Vergangenheit nicht, sie schämen sich ihrer Geschichte, aber sie laufen nicht vor
ihr davon. Sie versuchen zu büßen und tun es, indem sie denen helfen, die es
schwer haben, die Hilfe brauchen. Warum hatte Maria das alles anfangs nicht bemerkt? Vielleicht wollte sie es nicht bemerken? Oder vielleicht auch darum, weil
die Deutschen kein Aufsehen um ihre guten Taten machen. Ihre Geschichte hat
ihnen beigebracht, zu schweigen und zu helfen, auch dann, wenn niemand ihnen
dafür dankt. Sogar Feinde könnte man für diese Form von Tapferkeit und Würde
lieben. Es gibt vieles, wofür man Deutschland lieben kann.

 


Aus dem Kapitel 63

Das Land U
Photo by Oksana Klyuchenko-Hnatyshyn

Und wegzufahren war schwer… Es war, als ob das Schicksal sie gewaltsam
hierher geworfen hätte, sie an der Gurgel nahm und solange nicht losließ bis Maria
dieses Land lieben würde, bis die fremden Buchstaben zu ihren eigenen würden
und ihr die Sprache selbst warm und vertraut erscheinen würde. Unzählige Kräfte
hielten ihre Hände fest, lebendigen Leibes wurde ihr Brustkorb geöffnet und ihr ein
zweites Herz eingepflanzt und sie beobachteten, ob es zu schlagen
begann. Lange hatte sich ihr Organismus widersetzt, versuchte er das fremde
Organ abzustoßen, fast ein Jahr dauerte es, bis dieses Herz endlich schlug, dem
Körper doppelte Kraft, Energie und Möglichkeiten gebend. Mit ihren Flügeln
konnte sie nun frei die Erde durchziehen, sie war stark und unbesiegbar
geworden. Und dann wurden ihre Hände wiederum festgehalten, sie auf einen
Operationstisch gelegt und ihr ohne Narkose das Herz, das, so schien es, gerade
eben synchron mit dem anderen zu schlagen begann, wieder herausgerissen.
Deutschland, unzählige Kinder verschlägt es in dein Nest. Du nimmst sie alle auf,
für alle findest Du Unterkunft und Essen, aber dann fliegen jene Vögelchen in alle
Winde, manche vergessen Dich bald, manche niemals.

 


Translated by Oksana Karpa, Tobias Vogel

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